Verhandlungssache

Die saubere Metro vom Flughafen nach Neu Delhi gaukelt dem Besucher noch vor, in einer modernen Weltmetropole angekommen zu sein. Wehe jedoch, wenn man das geflieste Tunnelsystem verlässt und man, gemeinsam mit den Massen, die aus anderen Schächten drängen, strömen und schieben, buchstäblich in das Chaos von Delhis Straßen ausgespuckt wird. Dann befindet man sich in einer anderen Welt.
Menschen allen Standes, und unzählige motorisierte und mit Muskelkraft bewegte Fahrzeuge streiten lautstark um den vorhandenen Platz zur Fortbewegung.
Da stehe ich nun, in einer fremden Welt mit fremden Regeln, die es zu begreifen gilt.
Ab jetzt und hier ist alles Verhandlungssache.
Nicht nur Preise für Waren und Transport müssen ausgehandelt werden, auch die Lunge einigt sich irgendwie mit dem unglaublichen Smog während die Nase noch angestrengt mit dem Brechreiz verhandelt.
Das bloße Recht zu stehen oder zu gehen muss ebenfalls stets neu verhandelt werden. Und sicher über die Straße zu kommen, durch den nicht endend wollenden Strom von Fahrzeugen, muss wohl direkt mit Lakshmi, der Göttin des Glücks, ausgemacht werden. Nur die heiligen Kühe sind von der einen oder anderen Regel befreit und stellen quasi mobile Kreisverkehre dar, die gekonnt und ohne Protest umfahren werden. Wilde Märkte wuchern überall in den überfüllten Straßen, jeder Zentimeter wird hart erkämpft, die Wege verengen sich und letztendlich kommt alles zum erliegen.
Nicht zuletzt der Verkehrsinfarkt sorgt dafür, dass ich meine Pläne für Jaisalmer verwerfen muss, da der gebuchte Zug nur wenige Kilometer entfernt von mir und doch unerreichbar fern im Meer lautstark protestierender Vehikel ohne mich aus Delhi abfährt.
Ich beschließe am nächsten Tag sehr zeitig zum Bahnhof aufzubrechen und den Ort in der Wartezeit mit der Kamera zu erkunden.
Vielleicht ist es sogar ganz gut, dass hier ein weiterer Tag in Delhi verbleibt um mich an das Chaos gewöhnen zu können, Referenzpunkt in meinem neuen Koordinatensystem setzen zu können und Preise zu verstehen. Vor allem aber stellt sich langsam das nötige Sicherheitsgefühl ein, um die Kamera in die Hand zu nehmen, die für viele Menschen hier einem Jahreseinkommen und weit mehr entspricht.
Doch das Lächeln was mir entgegengebracht wird, beruhigt, meine Schritte durch die Menschenmassen werden langsamer, der Puls niedriger und den Augen öffnet sich mehr und mehr diese sonderbare Welt mit ihren seltsamen Gestalten, dunklen Gesichtern, strahlenden Lächeln und farbenfrohen Saris und gänzlich fremden Bräuchen, eine Welt zwischen geduldigem stundenlangen Schlangenstehen und aus Massenpanik
Willkommen in Indien. Mittendrin.

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