Zwischen Kameltreibern und Gauklern

Eine große Staubwolke hängt über der kleinen Stadt Pushkar, aufgewirbelt von abertausend Kamelfüßen, Pferdehufen, und Pilgersandalen. Eigentlich ist das jährliche Pilgerfest, Pushkar Mela, ein religiöser Höhepunkt im heiligen Monat Kartika, dem achten Mondmonat im Hindu-Kalender. Ein Fest bei dem eine Prozession die nächste jagt und bunt gekleidete Pilger im heiligen See baden.
Für gläubige Hindus ist dies ein heiliger Ort, an dem Vishnu und Brahma erschienen sind und Gandhis Asche mit Wasser besprengt wurde.
Mit der Tradition der Pilger ist ein Jahrmarkt entstanden und schließlich nichts geringeres als der größte Kamelmarkt der Welt, der sich weit über die Ebene vor der Stadt erstreckt. Ein großer Rummelplatz mit windigen Gestalten befindet mitten zwischen den Zelten der Kameltreiber und fragwürdige Fahrgeschäfte ragen am Abend neonbeleuchtet in den Himmel. Die Schausteller  sich auf freundliche Nachfrage jedoch als sehr geduldige Fotomodelle.
Pushkar ist ein staubiger, aber magischer Ort voll von Gesichtern, die ganze Lebensgeschichten erzählen, voll von Gauklern, Teeverkäufern, Schlangenbeschwörern, Krüppeln und Bettlermeistern, dazwischen Rentnergruppen in kolonialer Tropenkleidung bester britischer Tradition, abgebrannte Althippies und Lebenskünstler aller Art sowie kamerabewehrte Fotografenrudel, während zwischen den Kamelen lautstark gefeilscht wird, Zähne geprüft werden und junge Kamelbullen ihrem Besitzer die Gefolgschaft zur Tränke verweigern angesichts hunderter Stuten um sie herum.
Sinnsuchende Traveller treffen hier auf Gurus, Sadhus und andere, die vorgeben den Sinn oder den Pfad der Erleuchtung längst gefunden zu haben. Dieser Ort ist ein wahres Fest für alle Spirituellen, eine steingewordene Klangschale mit nichtendend wollenden Sitar- und Trommelklängen, Gebeten und Gesängen und ganz nebenbei natürlich ein großes Geschäft für alle großen und kleinen Zeremonienmeister.
Nicht nur der tiefe Glaube, das Annehmen des eigenen Schicksal und des vorgegebenen Lebensweges befeuern solch ein buntes Spektakel. Gerade in Indien ist die religiöse Hingabe der Massen auch ein riesiger Markt. Ein Markt der Beschäftigung verspricht, Einkommen sichert und mit der Aussicht auf ein Verlassen des Riesenrades der Wiedergeburt lockt, mit der Verheißung auf ein Ende allen Leids. Unzählige Familien leben allein vom Verkauf religiöser Devotionalien, Blumen, Kerzen oder Schmuck rund um die Tempel und auch wer allen Weltlichen entsagt haben will, nimmt dankbar und selbstverständlich die Spenden derer, die ihr Gewissen zu reinigen gedenken. Auch das ist ein rituelles Bad, sozusagen des Geldes.
Nach zwei Tagen mit meiner Nase und der Kameralinse im Staub und Kameldung, lasse ich das irdische heute für eine Zeit lang hinter mir und mich von heißer Luft über dieses bunte Schauspiel hinweggetragen.
Staunende Kinderaugen blicken beim Start meinem Ballon hinterher und ich staune zurück, während langsam die Sonne über den Hügeln aufgeht. 

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