Schwefelhölle

Es ist Moskitozeit. Die Dunkelheit bricht rasch herein, während der Muezzin der kleinen Moschee zum Freitagsgebet ruft. Das tropische Bergdorf Sampol liegt, umgeben von Kaffeeplantagen, am Fuße des Ijen und dient als Basis für den Aufstieg zum Vulkan. Das heruntergekommene Hotel wurde 1896 von den Holländern errichtet und diente den kolonialen Kaffeehändlern als Unterkunft. Dünne Wände aus Bambusgeflecht mit vielfältigen Innenleben, abgenutzte Betten und ein düsteres Duschklo müssen für heute reichen.
Ich möchte in dieser Nacht nicht nur auf den Vulkan, sondern vor allem soweit es geht hinein in die Schwefelmine am Grund des Kraters. Seit ich einmal Bilder von den brennenden Schwefelquellen gesehen habe, wollte ich dieses Schauspiel einmal mit eigenen Augen sehen. Der Zugang ist tagsüber seit einiger Zeit verboten, nachts ist hier aber immer noch alles möglich. Ohne einen ortskundigen Führer würde ich den Abstieg auch nicht wagen. Um kurz nach Mitternacht breche ich gemeinsam mit einem polnischen Pärchen zum Kraterrand auf.
Der Ijen ist in diesem Jahr wieder deutlich aktiver geworden und der Kratersee anscheinend heißer als sonst. Saurer Nebel und der taube Geschmack von Schwefelgasen weht uns schon beim Aufstieg entgegen. Die Vegetation ist teilweise braun und abgestorben, teils an den sauren Regen angepasst. Bereits nachts kommen uns vereinzelt Arbeiter entgegen, die schwer beladen mit Schwefelbrocken den Hang hinab steigen. In tiefer Dunkelheit erreichen wir den Kraterrand und beginnen mit dem Einstieg. Unser Guide ist entweder zu faul oder hat kalte Füße bekommen und will nicht hinab in die Mine. Wir schließen uns einem tschechischem Paar mit eigenem Guide an und nehmen noch einen der ortskundigen Minenarbeiter als Führer. Spätestens jetzt bin ich dankbar über den aus Deutschland mitgebrachten Atemschutz und meine helle Stirnleuchte.
Mit jedem Schritte in den Krater nehmen die Säuredämpfe und der Gestank nach faulen Eiern zu. Entferntes Husten dringt als einziges Geräusch durch die Nebelwand. Nach einer halben Stunde Abstieg auf rutschigem Pfad erreichen wir die Mine. Ausströmende giftige Gase machen das Atmen ohne Maske zur Qual. Kaum vorstellbar, dass die Schwefelarbeiter hier mehrmals am Tag ohne Atemschutz hineingehen um schwer beladen mit Schwefelbrocken zurückzukehren. Meine beiden Mitreisenden atmen nur durch Pullover und Tücher und bleiben daher etwas oberhalb zurück. Ich folge meinem Guide zu den Schwefelquellen. Durch austretende Gase, vor allem heißer Schwefelwasserstoff, der bei bei Kontakt mit Luft reagiert entsteht so elementarer gelber Schwefel. Daneben entstehen giftiges Schwefeldioxid und Schwefelsäuredämpfe. Das ganze sieht unglaublich aus.
Geisterhaft blaues Feuer über fauchenden Fumerolen an dessen Rändern flüssiger Schwefel zwischen den Felsen hinabfließt um irgendwo zu erstarren. Darüber wirbelt eine heiße, schwarze Rauchsäule im Schein des Feuers, die bedrohlich oft die Richtung wechselt. Immer wieder muss ich mich hinter Felsen ducken um nicht vom Rauch umhüllt zu werden. Die Maske schützt zwar beim Atmen, aber Rauch und Gase brennen in den Augen und im Gesicht. Außerdem sorge ich mich um meine Kamera.
Zum Glück gelingen dank Stativ die erhofften Aufnahmen. Dies hier ist mit Abstand der unwirtlichste Ort, an dem ich je war. Als hätte jemand das Tor zur Hölle aufgestoßen und alles Übel der Welt drängt nun ins Freie. Länger als 20 Minuten lässt es sich hier kaum aushalten, so dass wir dem Pfad aus der Mine nach oben folgen. Im Morgengrauen sieht man, dass der ganze Krater dampft und gelblich grau raucht. Der türkisblaue Kratersee bleibt leider auch in den nächsten zwei Stunden unsichtbar. Was sonst herrlich zum Schwimmen einladend aussieht, ist praktisch reine Schwefelsäure. Ein Schwede hat vor Jahren seine Unachtsamkeit mit dem Leben bezahlt als er hineinfiel.
Der See soll über 200 m tief sein und an dessen Grund Lava austreten. Es ist schon zu starken Umwälzungen im See gekommen, wobei gashaltiges Wasser schnell aus der Tiefe aufsteigt und große Mengen Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff freigesetzt werden. Dutzenden Arbeiter kamen so bereits ums Leben.
Die Arbeiter mit ihren schweren Körben steigen mühsam aus der Mine. Wie auf einer schmalen Ameisenstraße die zur Wägestation außerhalb des Kraters führt. 800 Rupien pro Kilogramm, etwa 7 Cent. Ein Korb wiegt zwischen 35 und 60 kg. Bei zwei Körben kann ein Arbeiter also maximal 8 Euro pro Gang in die Mine verdienen. Ein kaum vorstellbarer Knochenjob, der es zwar ermöglicht eine Familie zu ernähren, für den man aber aber einen sehr hohen Preis zahlt. Die giftigen Gase schädigen die Atemwege und Schleimhäute dauerhaft. Wirbelsäule und Gelenke verschleißen dabei schnell und die Verletzungsgefahr ist hoch. Zwar sieht man auch ältere Arbeiter in der Mine aber ich habe den Eindruck, dass man hier nicht wirklich alt wird.
Meine Gasmaske schenke ich meinem Führer, der nach dem Aufstieg schon wieder mit leeren Körben auf dem Weg in die Mine ist.
Für mich geht es weiter nach Surabaya um mich einen Tag zu erholen bevor ich Java verlasse, um in den Urwald von Borneo zu reisen.

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