Höhlengeister

Bis vor wenigen Jahren war Vang Vieng nur für seine schroffen Karstberge bekannt, die sich aus dichtem Dschungel hunderte Meter den Wolken entgegenstemmen. Mittlerweile ist Vang Vieng ein Ort, an dem wohl wie nirgendwo sonst in Laos Welten mit solch einer Wucht aufeinander prallen. Einerseits ist hier immer noch einE beeindruckende Natur mit gigantischen Höhlen in den dicht bewaldeten Felsen, die am Horizont wie Kamelhöcker emporragen, klaren Flüssen und Millionen von Fröschen die abends um die Wette quaken. Andererseits ist aus der beschaulichen Backpacker Enklave die es mal war, mittlerweile ein Ort geworden, an dem in der Hauptsaison Spring-Break-Stimmung herrscht und sich tausende Party-Touristen alljährlich auf LKW-Schläuchen den Fluss hinunter treiben lassen. Tubing – von Bar zu Bar, bis nichts mehr geht. Bis auf eine Zügelung des Drogenkonsums, findet hier scheinbar keine Reglementierung des Besucherstroms statt. Bei der Partykultur bleibt die laotische daher zusehends auf der Strecke und kritische Stimmen sind zumindest zaghaft zu hören. Dennoch ist der Ort allein wegen seiner großartigen Landschaft einen Zwischenstopp wert. Die unzähligen Höhlen um Vang Vieng herum, lohnen allemal den Besuch. Kilometerweit führen einige in die Berge hinein, viele werden verehrt und sind mit Buddhasfiguren im Inneren ein Wallfahrtsort. Der erste Tag nach meiner Ankunft beginnt daher zeitig mit der Suche nach einem Motorrad. Leider sind wie üblich nur die üblichen kleinen Hondas zu bekommen, mit denen am erstbesten Flussbett schon wieder viel Glück mit im Spiel sein muss, etwas geländegängigeres wäre mir lieber gewesen. Zunächst muss ich zu der einzigen Tankstelle im Ort die alte Landepiste überqueren. Diese war unter dem Codenamen Lima Site 6 eine der vierhundert Start- und Landebahnen von denen die Amerikaner im zweiten Indochinakrieg ihre Angriffe in Vietnam und Laos flogen. Heute ist dies nur noch eine Schotterpiste, an dessen Rand sich eine Tankstelle und kleinere Werkstätten befinden. Mit vollem Tank führt der Weg über eine mautpflichtige Brücke, teilweise aus Kriegsschrott gebaut, nach Westen. Die optische Verwandlung meiner Honda durch die steinige und teils schlammige Piste lässt mich jetzt schon mit Grauen an die spätere Abgabe des Motorrades denken. Das passende Gefährt, dass hier alle Bauern mit Stolz ihr Eigen nennen ist das Tok-Tok. Lebewesen und Maschinen nach den, von ihnen verursachten Geräuschen zu benennen hat in Asien offenbar eine lange Tradition. Das bekannte Tuk-Tuk ist ebenso ein Vertreter wie der nach seinem Ruf benannte Gecko oder dessen größerer Verwandte der Ducko. Beim Tok-Tok handelt es sich um eine Art einachsiger Traktor mit langer Lenkerstange und meist abenteuerlichem hölzernen Anbau, auf dem neben der Ernte auch das dutzend Kinder und die Schwiegermutter Platz hat. Und er hört sich auch nach Tok-Tok an. Die Dörfer in der Umgebung sind noch so wie man sie von Asien erwartet. Kleine Häuser, viele Kinder dazwischen Geflügel aller Art und kleine Schweine die sich unbeobachtet vom Reis bedienen, der auf großen Planen in der Sonne trocknet. Irgendwo im Schatten liegt ein Büffel, der seltener gebraucht wird seit es Tok-Tok gibt. Die meisten Höhlen sind am Morgen noch menschenleer. Alleine belasse ich es auch bei den ersten hundert Metern im Berg. Zu rutschig sind die Steine hier. In der Höhle der Goldkrabbe, Tham Pou Kham treffe ich allerdings auf zwei Kanadier und ein australisches Pärchen, die zumindest ebenfalls mit vernünftigem Licht unterwegs sind. Zu fünft wagen wir den Weg in die Tiefe des Berges. In der ersten Halle steht ein großer Schrein mit liegendem Buddha im einfallenden Licht. Dahinter wird es dunkel und enger zwischen den Felsen bis sich die Höhle wieder weitet und mit vielen Biegungen weiter in den Berg verzweigt. Weißlich glitzern die abgelagerten Mineralien, etwas dunkler leuchten im Schein der Stirnlampe die Augen der großen Spinnen, die hier zwischen den Steinen auf Beute warten. Einige der Hohlräume sind bis zu fünfzig Meter hoch. Abgründe und Löcher im Boden führen steil nach unten. Irgendwo da unten liegt ein Flip-Flop. Es ist gut zu wissen, dass die Batterien in der Lampe voll sind. Nach einem Tag auf dem Motorrad wird es am nächsten Tag zum Sonnenaufgang Zeit für einen Perspektivenwechsel. Der etwas überladenen Heißluftballon lässt sich nur widerwillig mit seinen zwei Brennern dazu überreden, leichter zu sein als Luft. Schließlich siegt die Überzeugung, die Physik oder beides und der gelbe Ballon beginnt zu steigen. Jedoch nicht ohne zuvor protestierend die Baumkronen zu streifen, bevor er wenige Meter über den Häusern der Bewohner hinweg, fauchend dem Wind folgt. Die Sicht auf die Karstberge und die sich schlängelnden Flüsse ist klar und eindrucksvoll. Die Kulturlandschaft mit ihren Reisfeldern dazwischen zeugt von Generationen harter Arbeit und nur der alte Militärflughafen deutet darauf hin, dass auch hier die Vergangenheit ihre Schattenseiten hat. Wenn die touristische Entwicklung in den nächsten Jahren weiter in die selbe Richtung geht, sind die nächsten Schatten jedoch nicht mehr fern. Ich verlasse Vang Vieng daher mit gemischten Gefühlen in Richtung der Hauptstadt Vientiane

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