Zur richtigen Zeit am richtigen Ort…

Die ersten Touristen sind bereits unterwegs. Bis zur Zufahrtstrasse nach Angkor Wat nimmt der Strom an Tuk-Tuks stetig zu. Kurz vor dem archäologischen Park erscheint in der Dunkelheit der Checkpoint für die Eintrittskarten. Der Sonnenaufgang über Angkor Wat ist mittlerweile fester Bestandteil der meisten organisierten Reisegruppen. Das überlaufene Spektakel werde ich mir erst am nächsten Tag ansehen, jedoch nicht ohne vorher noch ein paar einsame Stellen für gute Fotos auszuspähen. Heute geht die Sonne für mich im Bayon Tempel auf, in jenem massiven Steinhaufen, von dessen Türmen genau zweihundertsechszehn Bodhisattwa Gesichter sanft in alle vier Himmelsrichtungen schauen. Ich habe den Bayon zwar nicht mehr allein für mich wie vor drei Jahren, aber die wenigen Besucher verschwinden zwischen all den Türmen, Kammern und Galerien. Tausende Fledermäuse führen allerdings noch lebhafte Unterhaltungen und verkünden ihre Anwesenheit in dem hohen Gemäuer durch einen letzten Stuhlgang vor dem Schlafengehen, was den Besucher von längeren Aufenthalten in den überdachten Steingängen abhalten sollte. Das schrille Geräusch der Zikaden im Dschungel und die zahlreichen Vogelrufe aus den Wipfeln der umliegenden Bäume machen die Morgenstimmung perfekt. Der Bruce-Willis-Vogel ist auch noch nicht ausgestorben. Ich weiß zwar immer noch nicht wie der aussieht oder in Wirklichkeit heißt, aber das regelmäßige Geräusch, das er im Sekundentakt ausstößt, erinnert stark an das Ticken einer Zeitbombe. Allerdings durchschneidet der Vogel alle paar Minuten immer den richtigen Draht und verstummt, anstatt zu explodieren. Der Bayon liegt exakt im Zentrum der alten Königsstadt Angkor Thom mit seinen quadratisch angelegten Mauern. Innerhalb dieser gewaltigen Mauern gibt es noch immer viele abgelegene Orte abseits der üblichen Touristenpfade und wer die Augen offen hält, kann hier unendlich viele Details entdecken – aus Stein, kriechend oder mit vielen kleinen Beinchen. Ursprünglich waren die Mauern um Angkor Thom nur von den vier großen Toren unterbrochen, alle mit beeindruckenden übergroßen Gesichtern aus Stein. Bis zur Terrasse des Leprakönigs mit seinen zahlreichen in Stein gemeißelten Figuren, gelingt es mir, die Reisegruppen hinter mir zu lassen. Danach ist die Flucht nach vorn angesagt, aus fototechnischen Gründen ebenso wie aus ästhetischen. Und dabei ist die Studiosus-Gruppe aus Lehrern im Vorruhestand noch der unauffälligste Part. Koreanische, japanische, russische und zunehmend chinesische Reisegruppen fallen wie Heuschrecken über die Tempel her. Wie lange das noch gut gehen mag, weiß ich nicht, aber mir schwant nichts Gutes für Angkor. Man darf nicht vergessen, dass die touristische Ausbeutung dieses Ortes gerade einmal etwa 15 Jahre andauert, dass die Rechte allein bei einem privaten Konsortium liegen und die Eintrittsgelder mitnichten in den Erhalt der Tempel fließen und schon gar nicht in die Provinz Siem Reap, die immer noch eine der ärmsten des Landes ist, wenn auch die Stadt Siem Reap mittlerweile die beste Infrastruktur des Landes aufweist. Vielleicht ist auch gerade dies Indiz für den touristischen Kollaps. Das alte Angkor-Reich ist schließlich nicht an Kriegen, sondern an einer Infrastruktur zugrunde gegangen, die irgendwann nicht mehr beherrschbar war.
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, kann in Angkor das Tempelerlebnis erheblich steigern. Etwas abseits und zeitlich später auf der Runde der organisierten Touren, liegt Preah Khan, ein Tempel aus dem 12. Jahrhundert, der noch an vielen Stellen vom Dschungel überwuchert ist und mit seinen verwinkelten Gängen, Bibliotheken und Höfen geradezu dazu einlädt, inmitten der Steinhaufen und Urwaldriesen zu verschwinden und sich in Details zu verlieren. Ich weiß nicht für wie viele Stunden ich hier verschwunden war. Irgendwo zwischen den entlegenen Ruinen bin ich nicht nur auf einige wunderschöne Spinnen und Insekten gestoßen, sondern auch auf die Hinterlassenschaften derer, die sich tagsüber zurückziehen und erst am Abend, wenn die Besucherströme abflauen, wieder hervorkriechen. Auch wenn die Chance, eine der scheuen Schlange zu beobachten, leider sehr gering ist, so sollte man beim Klettern zwischen den Ruinen zumindest immer daran denken, dass sie da sind und nicht unbedacht zwischen die Steine greifen. Ich habe an einem der groben Tempelsteine eine wunderbare frisch abgestreifte Cobra-Haut gefunden, etwa eineinhalb Meter lang. Leider blieb die Besitzerin bis jetzt unauffindbar.

 

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