Knochenjäger

Es ist einer der größten Friedhöfe der Welt. Ein riesiges steinernes Feld voll von prunkvollen Gräbern Gedenkstätten und Mausoleen und noch mehr anonymen Massengräbern für die arme Bevölkerung. Mancherorts scheinen die Gräber wie die Fortsetzung der sozialistischen Plattenbauten im Jenseits. Diese Orte und die überquellenden Beinhäuser und Gruften, mit kleinen Kisten aus Holz, Stein oder Marmor, je nachdem was die Familien aufbringen konnten, sind fast noch viel interessanter, als die glänzenden Grabstätten berühmter Kubaner. Cementario Christrobal Colon – kein geringerer als Kolumbus sollte hier ursprünglich seine letzte Ruhestätte finden. Grabsteine erzählen vom gemeinsamen Leben und Sterben, von ewiger Liebe und von Kubanischen Geschichten wie der des Hundes Rinti, der sich nach dem Tod seines Frauchen Jeanette Rudder Tag für Tag am Grab niederließ, nichts mehr fraß bis er selbst starb. Treu bis in den Tod steht auf dem Grabstein geschrieben. In einem der Beinhäuser hat ein Hund Junge geworfen und kleine Welpen jagen und balgen sich zwischen den hunderten Knochenkisten. Ein Hundehimmel.
Das Grab von Juana Martin ziert der Dominostein mit der fatalen Doppel-Drei. Juana verstarb nach einer mit Leidenschaft gespielten und doch verlorenen Partie Domino an Herzversagen, den letzten verfluchten Stein bis in den Tod fest umklammert. Geschichten ranken sich um zahlreiche Menschen die hier liegen, manche werden bis heute verehrt, wie Amalia Goyri de la Holz, die im Kindbett starb. Sie wurde mit dem Säugling zwischen ihren Beinen bestattet, doch als man das Grab Jahre später öffnete lag das Kind an ihrer Brust. Seitdem wird sie als La Milegrosa, die Wundertätige, verehrt.  Hier auf dem Friedhof liegt Revolutionsgeschichte begraben, hier liegen zu unrecht hingerichtete Studenten, heroisch gestorbene Feuerwehrleute, Schachweltmeister, Schriftsteller und vergangene Präsidenten. Noch immer habe ich nicht genug davon, die Straßen von Havanna zu durchstreifen und das Straßentreiben zu beobachten. In Habana Vieja statte ich dem Kloster San Francisco de Asis einen Besuch ab und versuche vom hohen Glockenturm ein paar neue Perspektiven zu gewinnen. Ich muss unbedingt noch ein paar Türme oder Dächer erklimmen. Die Aussicht auf das Paris der Tropen ist einfach umwerfend. Am Nachmittagshimmel ziehen allerdings bereits dunkle Wolken auf und kündigen einen Wetterumschwung an, der die nächsten Tage wohl ungemütlich werden lässt.

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